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Bad Trips Vol.2: Berlin Underground. Asphaltcowboys auf Eisbärenjagd

Erschienen im Blog des Reisewebportals Tripwolf

Der Bär ist schuld, dass der Hase durch die Lappen ging. Der Air-Bär, Boardmagazin-Maskottchen von Air Berlin, das im wohl bescheuertsten und deshalb genialsten Comic der Welt zu seinen Abenteuern lädt und von weitaus wichtigerem ablenkt. Vom Mädchen mit dem Unterlippenpiercing auf dem Sitz gegenüber zum Beispiel, - gut, es nippt Vormittags und in Mitten der Economy-Class an einem Cocktail und es sieht womöglich jemandem ähnlich, noch lange kein Grund Verdacht zu schöpfen. Doch als es in der Ankunft vom Flughafen Tegel auch noch die Gepäcksbänder links liegen lässt und von einem Typen in Anzug und Krawatte empfangen wird, fällt es einem wie die Bärenschuppen von den Augen. Das ist Christl Stürmer, und es ist der Tag der Echo-Verleihung. Und überhaupt: Echo, Berlinale, Fashion Week, - in Berlin schrillt im Winter der Promialarm am lautesten. Für den Bad Tripper durchaus im warnenden Sinne. Im Leben wie auf Reisen streift er den Mainstream nur am Rande und sucht sein Glück im Verborgenen. Er und Christl Stürmer, das ist klar, müssen von nun an getrennte Wege gehen.

 

Fashion-Victims in Westsibirien

 

Berlin ist Glamour-Metropole. Doch Berlin ist auch ziemlich pleite, und im Februar stolpert alles über eine in ihrem Naturzustand belassene Schnee- und Matschdecke. Ich irre mit steifgefrorenen Ohren durch die Emo-Frühlingskollektionen in den großen Kaufhäusern rund um den Alexanderplatz. Mein panisch nach Mützen Ausschau haltender Blick fällt auf neonbunte Baseball-Kappen und Leggins für Herren, - in solchen Momenten wünscht man sich die Trend-Attitüden dieser Stadt zum Teufel. Vielleicht nennt man sie aber auch gar nicht so sehr zum Spaß „Westsibirien“, -  diese Erkenntnis kommt reichlich spät, in wenigen Stunden werde ich meiner Gastgeberin, einer Wahlberlinerin, als hoffnungsloses Greenhorn gegenüberstehen. Draußen, dort wo mal der Alexanderplatz war, fegt ein schneidender Wind über ein matschiges Schneefeld, aus dessen Mitte die retro-futuristische Weltzeituhr und der U-Bahn-Eingang wie die Silhouette einer verwaisten Arktis-Forschungsstation ragen. Ein paar Punks und Street-Dancer üben zum Sound eines Ghettoblasters ihre Moves auf vereisten Stufen. Hier hat der erste Abend in der Ausgeh-Hauptstadt Europas keine Zukunft.

 

 

Russisches Roulette - Friedrichshain

 

Zum Glück nur einen kurzen Rutsch über die ganz Berlin wie ein Zuckerguss überziehende Mischung aus Eiskanal und Buckelpiste entfernt sind die wunderbaren, im Sommer mit Biergärten zugepflasterten Hakesche Höfe. Ein Irish Pub in den U-Bahnbögen rettet hier vor dem frühzeitigen Erfrierungstod. Nach einer Viertelstunde im bierseligen Dunst grölender irischer Hooligans ist der Wärmebedarf größtenteils wieder gesättigt und die Betriebstemperatur für einen weiteren Ortswechsel hergestellt. Das ist auch bitter notwendig, denn es geht noch tiefer nach Osten. Friedrichshain hält im Roulette um den angesagtesten Kiez gerade noch die Stellung, doch die Zukunft gehört ganz klar sogar noch eine Spur abgewrackteren Pflastern wie Pankow oder Neukölln. Meine hier ansässige Berlinexpertin hingegen schwärmt von ihrem Viertel, und führt mich sogleich in dessen Perlen der Ausgehkultur ein. Zu finden sind die rund um den Boxhagenerplatz. Im Feuermelder, einer Metal-Kneipe mit Billiardtischen und Kicker, wird Whisky-Tee in stilsicheren Keramiktotenschädeln serviert. Ein paar Ecken weiter in der Astro Bar hingegen, dürften die Betreiber die Konkursmasse eines skurrilen Raumschiff Enterprise-Musicals als Einrichtung recycelt haben. Das spielt zu später Stunde im Blindflug durch galaktische, aber mittels White Russians höchst weltlich verursachte Nebel alles keine Rolle mehr.

 

Curryblut im Schlaraffenland - Prenzlauer Berg

 

Am nächsten Tag sieht alles wieder freundlicher aus. Man weiß zwar nicht mehr genau wie man hierher zurückgefunden hat, aber es freut einen, dass man trotz allem hier residiert. Allen Unkenrufen zum Trotz: der Prenzlauer Berg zählt einfach zu den hübschesten Fleckchen, die die Stadt zu bieten hat. Vor nicht allzu langer Zeit noch als der Indie-Kiez schlechthin abgefeiert, gehört er schon fast wieder zum Establishment. Letztens schlug hier sogar der elitäre Suhrkamp Verlag seine Zentrale-Zelte auf. Umso besser, - ist der Ruf einmal im Eimer kann man sich wieder relaxter anderen Dingen widmen, z.B. der bewegten Geschichte dieses Viertels. Da wäre etwa die Gethsemanekirche, in der im Herbst 1989 oppositionelle Gruppen gewaltfrei gegen die DDR-Führung protestierten und eine gewisse Angela Merkel, Pastorentochter und Mitglied im „Demokratischen Aufbruch“, ihre Gebete gen Himmel schickte. Oder die nicht weniger als 29 Jahre durch die Mauer getrennte Gleimstraße. Heute reihen sich hier und in der Kopenhagenerstraße etwas sterile aber durchaus nette Thai-Restaurants, Italiener und Szene-Lokale wie das durch und durch schwule Schall und Rauch (die netten Jungs vom letzteren dürften allerdings jeden Morgen pünktlich um 6 ihre leeren Becks-Flaschen in den Innenhof-Countainer pfeffern, was sich durch die Spannplatten-dicken Wände der benachbarten Pension Berlin anfühlt als würde sie jemand am eigenen, von der Nacht davor noch brummigen Schädel zerschlagen). Ein Stück die so typisch von der stählernen Girlande der S-Bahn durchzogene Schönhauser Allee hinab, stößt man hingegen auf eine echte Berliner Institution. Unter einem der U-Bahn-Bögen brutzeln in der Imbissbude Konnopke die - wie es heißt - besten Curry-Würste der Stadt. In einer langen Reihe stehen hier mittags die Berliner an, und lassen sich ihre Currywurst-Pappschale und ein Brötchen in die Hand drücken, um selbiges gleich darauf Wurst- und Brötchenlos, aber "blutverschmiert" in der Mülltonne zu entsorgen. Gerhard Schröder tat es nicht anders, und – glaubt man den Graffitis an den Betonpfeilern – auch schon Kaiser Wilhelm höchst selbst. Von hier biegt die bekannteste Straße des Viertels ab, - die Kastanienallee. Was hat man nicht schon für Horrorgeschichten über Scharen von Werbeagentur-Spießern, Öko-Gurus und Kinderwagen-Terroristen gehört, die hier ihren biederen Wohlstands-Schrecken verbreiten. Das gute am Winter ist, dass man von alledem bis auf die am Gehsteigrand angeketteten Vespas nicht viel merkt. Die leere Straße glänzt in der trüben Sonne, der Blick schweift über herrlich romantisch verwahrloste Hinterhöfen und abbröckelnde Häuserfronten, zwischen denen verdorrtes Gestrüpp auf die Gehsteige hervorwuchert, als wollte sich die Natur wieder zurückholen was ihr Trendscouts für endlose Fotostrecken in Apothekenduft verströmenden Hochglanzmagazinen abgeprellt haben.

 

    

Tacheles - Kunst statt Abrissbirne

 

Wenn fern über den Dächern der Kastanienallee plötzlich – wie eine Fata Morgana - die mächtige, kunstvoll nach maurischer Art verzierte blau-gelbe Kuppel der Neuen Synagoge schimmert (einst die größte, aber leider im Krieg ihres Hauptraums beraubte Synagoge Deutschlands – eine Ausstellung gibt Einblick in die Baugeschichte und das jüdische Leben Berlins), ist die Oranienburger Straße nicht mehr weit. An deren Anfang, über die gesamte Fassade eines riesigen, halb verrotteten Gebäudetorsos, steht mit weißer Farbe das Wort Tacheles gepinselt. Was aussieht wie das Abendessen für die Abrissbirne ist in Wirklichkeit das höchst lebendige Zentrum der alternativen Kunstszene Berlins. Etwa dreißig selbst verwaltete Ateliers und Galerien beherbergt die einstige Einkaufspassage, die nicht nur im Krieg zerstört, sondern auch noch von der DDR schrittweise abgerissen wurde. Was übrig blieb erklärten Unerschrockene zum öffentlichen Raum und unabhängigen „Kunsthaus“. Anders als vor den in den letzten Jahren um 1,5 Milliarden Euro restaurierten Museen der Museumsinsel, wo man selbst im Februar eine geschlagene Stunde im Schneeregen in der Schlange steht  (in Anbetracht des vom Star-Architekten David Chipperfield spektakulär gestalteten Neuen Museums, der im Pergamonmuseum aufgebauten monumentalen antiken Toren und Tempelanlagen und der so schönen wie Jahrtausendealten Büste der Nofretete im Ägyptischen Museum allerdings fast ein Muss), sucht man hier erstmals überhaupt einen Zugang. Eine der unverschlossenen Türen führt in ein Stiegenhaus, das offenkundig aber auch als Mülldeponie große Anerkennung genießt. Bis in den allerletzten Winkel mit grotesken Plakaten zugekleistert (nicht alles darauf ist ganz jugendfrei) und dutzende Male bis über die Fenster mit Graffitischriftzügen übermalt geht es darin Stockwerk für Stockwerk tiefer hinein in eine psychedelische Parallelwelt. Oben angelangt, erfüllen wohlige Reggae-Klänge lichte, mit Schrottskulpturen und Leinwänden angeräumte Ateliers. Für einen Euro kann man hier Künstlern bei ihrer Arbeit zusehen, für etwas mehr lassen sich die wohl ausgefallensten Berlin-Plakate der Stadt erstehen.

 

 

Draußen im Hinterhof geht der seltsame Trip noch weiter. Unheimliche, sphärische Klänge durchströmen begehbare Wohnwägen und Zelte, werden mal durch das hypnotische Wassertropfen einer Sound-Installation, mal durch den knisternden Lärm eines Schweißgeräts durchbrochen. Mitten unter den Ausstellungsstücken lötet eine Frau mit aufgesetzter Schutzmaske zwei Eisenstangen zusammen, während zu beiden Seiten die Funken in hohem Bogen auf den Boden prasseln. Dem Kunst-Labyrinth entkommen stehe ich wieder im Hof und besinne mich einen Augenblick wo ich hier gelandet bin. Rückwärts sitzt mir in Form eines überlebensgroßen, rostigen Schriftzugs das Wort „Lust“ im Nacken. Geradeaus, jenseits der Absperrungsmauer, ragt das letzte Stück des Betonschafts des Fernsehturms vom Alexanderplatz hinter diversen rostigen Schrottformationen hervor. Sein im frostigen Nachmittagslicht Bronze schimmernder Aussichts-Globus erinnert an eine Diskokugel, die irgendwo von der Decke eines schäbigen Underground-Klubs hängt. Oder an den Knauf auf dem Gangknüppel meines alten VW-Polo, Baujahr 1989. Der liegt schon längst auf irgendeinem Schrottplatz in Ungarn, aber ich weiß noch, wie es war mit ihm durch die Straßen zu jagen. Etwas angerostet und immer verdreckt, doch kein anderer war so günstig im Verbrauch, keiner hatte diese Beschleunigung, bog so wendig um Ecken und unerwartete Absperrungen. Und alle liebten ihn, auch wenn sie ihn zugleich ein wenig belächelten. Nur in meinem Polo durften alle rauchen und Party feiern, wußten ihn aber auch mehr als zu schätzten, wenn es Mal darum ging noch rechtzeitig in der Arbeit aufzukreuzen. So ähnlich, geht es mir hier durch den Kopf, ist diese Stadt auch.

 

 

Berliner Metropolenluft - Ku'damm, Mitte, Checkpoint Charlie

Schräg gegenüber vom Tacheles liegt eine der Berliner Top-Adressen für Liebhaber der Fotografie. Im historischen Gebäude des ehemaligen kaiserlichen Postfuhramts präsentiert das C/O Berlin (International Forum For Visual Dialogues) Wechselausstellungen zu Szene-Größen wie Annie Leibovitz. Vor einem neuerlichen Eintauchen in das eher Sauerstoff arme Nachtleben Berlins empfiehlt es sich aber noch mal richtig Metropolen-Luft zu schnappen. Nirgends geht das besser als auf dem Kurfürstendamm („Ku’Damm“), mit dem markanten Stumpf der Kaiser Wilhelm Gedächtnisskirche, dem weißen Zoo Palast (vor dem Umzug in die aus dem Niemandsland gestampften Konzernpaläste am Potsdamer Platz das Herz der Berlinale) und dem mondänen Konsumtempel KaDeWe. Oder in Mitte, östlich von Regierungsviertel und Brandenburger Tor, mit seinen geometrischen Glas- und Betonschluchten wie jene der Friedrichsstraße, wo sich Berlin großklotzig und ganz als stählerne Banken-City von internationalem Format gibt. Am südlichen Ende der Friedrichsstraße war zu Mauerzeiten hingegen Schluss mit globalem Flair, stattdessen trafen zwei verfeindete Welten aufeinander. Der Checkpoint Charlie, Berlins berühmtester Grenzübergang, markierte hier den scharfen Schnitt zwischen amerikanischem und sowjetischem Sektor. Das winzige, von den US- Alliierten errichtete Kontrollhäuschen ist heute, inklusive einem kleinen Wall aus Sandsäcken, nachgebaut und eindeutig eines der Must-Have-Fotomotive der Stadt. Im schon etwas größerem „Haus am Checkpoint Charlie“ nebenan, aber für Museumsmuffel auch auf den Fototafeln entlang der Gehsteige, kann man Eindrücke aus der Ära des geteilten Berlin auf sich wirken lassen.

 

Back in the USSA. In Cowboystiefeln durch die Nacht

Die kommenden zwölf Stunden werden vor allem eines zeigen: Der Amie ist noch längst nicht aus der Stadt gezogen, bzw. wieder zurückgekehrt. Das mag nicht allerorts ein Grund zum Feiern sein, - für das Nachtleben Berlins kann das nur Gutes – und skurriles - bedeuten. Und so kann man es drehen und wenden wie man will, die wohl sympatischste Konzert-Location der Stadt ist der US-Army zu verdanken. Es geht nach Tempelhof, in erster Linie bekannt für seinen monumentalen Nazi-Flughafen, der sich vom Furcht einflößenden Appetithäppchen auf die ansonsten Gottlob nur auf dem Reißbrett entstandene Hitler-Welthauptstadt Germania nach dem Krieg zum Symbol der Freiheit mauserte. Hier landeten die amerikanischen „Rosinenbomber“ und brachten über die Luftbrücke neben Rosinen und anderen Lebensmittel auch den Rock n’Roll in die isolierte Stadt. In unmittelbarer Nähe zum Flughafen liegt die Columbia Halle, – wo einst US-Boys beim Zirkeltraining schwitzten, tun dies heute bis zu 3500 Besucher zu den Auftritten internationaler Bands im stilvollen Vintage-Ambiente. Die öffentliche Anbindung zur Columbiahalle ist nicht die beste. Doch wenn, wie an diesem Abend, eine neue Generation fantastischer US-Boys wie die Südstaaten-Rocker Kings of Leon über der Stadt abgeworfen wurden, gilt es einfach nur der euphorischen Völkerwanderung durch die dunklen Gassen ans Ziel zu folgen.

 

 

 

Nashville - Kreuzberg underground

 

Der kollektive Rodeo-Ritt ist vollzogen, die Klamotten sind durchgeschwitzt doch die Nacht noch jung. Der Bedarf an Massenveranstaltungen ist vorerst gedeckt, - und nirgendwo sind Menschenmassen unwahrscheinlicher als in Kreuzberg bei Nacht. Mit einer vagen aber umso vielversprechenderen Angabe aus den Prinz-Ausgehtipps geht es zuerst mit der U-Bahn zum Kottbusser Tor, und dann zu Fuß vorbei an Handy-Entsperrungsläden und Döner-Lokalen immer tiefer hinein in die periphere Dunkelheit. Hinter sieben Häuserblocks ist die Adresse doch noch gefunden, - und die Skepsis groß. Über der unauffälligen, getäfelten WC-Türe eines Wirtshauses, in dem ein paar Gäste ihre Gulaschsuppe löffeln, hängt ein rotes Schild mit der Aufschrift Privatklub. Einmal geöffnet, geht es eine enge, mit roten Lichterketten beleuchtete Treppe hinab in den vielleicht kleinsten, und vor Leuten berstenden Konzertkeller der Stadt. Zwischen rohen Wänden und in schummriges, rotes Licht getaucht fehlt es hier an nichts, - an einem Ende die bestens sortierte Bar, am anderen eine kleine Plattform, die sogleich ein furioses Trio unsicher machen wird. Die Ettes, eine Newcomer-Band aus Nashville, knüppeln an diesem Abend ihren mitreißenden Garage-Rock von der Kindergarten-Bühne, - mit der Anmut einer wilden, geschmeidigen Raubkatze drischt die Drummerin auf ihr Gerät ein, während sich kaum zwei Schritte weiter die dicht gedrängte Crowd im selben Käfig an ihrem Schweiß labt.

 

Elvis Burger mit fucking fries

 

Es ist weit nach Mitternacht, die Energiereserven angegriffen, doch die weitere Richtung so klar vorgegeben wie die kalifornische Wüstensonne.Kein Wochenende in Berlin darf ohne einen Besuch im White Trash vorübergehen. Vor eineinhalb Jahren wegen Anrainer-Protesten ein paar Blocks weiter in ein ehemaliges Irish-Pub an die Torstraße übersiedelt, entzieht sich die Realität gewordene Halluzination eines vor zehn Jahren aus L.A nach Berlin gezogenen Amerikaners (unter den restlichen Freaks im Laden leicht an seinem Cowboyhut zu erkennen) nach wie vor jeglicher Einordnung. Mit dem White Trash betritt man eine labyrinthartige, verschachtelte Mutation aus China-Restaurant, Irish-Pub, Burger Grill und Western-Saloon, angereichert durch massenhaft Plakate und allerlei skurrilen Kunststoff-Ramsch. Hier hat auf drei Geschossen schlicht der Wahnsinn Saison. Nichts ist wie es sein sollte, - zwischen rustikaler Wandvertäfelung leuchtet ein Aquarium mit Goldfischen, auf dem Weg zur Toilette kommt es zur Begegnung mit einem jungen Herren der mit aufgesetzter Sonnenbrille und kerzengerade auf einem Tisch ausgestreckt die dunkle Decke anstarrt.

 

Genauso ungeklärt was das White Trash eigentlich ist, ist es auch was man im White Trash eigentlich tut. Doch darüber haben sich weder Mick Jagger noch Lemmy von Motörhead lange den Kopf zerbrochen. Variante eins: tanzen, - vor der kleinen Bühne mit regelmäßigem Live-Musikprogramm im Erdgeschoß. Oder man schlägt sich den Wanst voll mit solch Gourmet-Häppchen wie "King Elvis Supreme Burger mit Fuck-you fries". Und selbst wer glaubt sich ohne Tattoo nicht mehr nach Hause trauen zu können, kann im angeschlossenen Tätowier-Shop Abhilfe geleistet werden. Vorausgesetzt es stellt sich ihm nicht die Bar in den Weg. Findet man zu später Stunde trotz allem noch den Ausgang und stolpert einmal quer über die Schönhauser Allee, stößt man mit dem Bassy bereits an die Türe zum nächsten formidablen Schuppen für ambitionierte Großstadt-Cowboys. Ein Segen, dass selbigem an diesem Abend schon ein Riegel vorgeschoben ist.

 

Ich möchte ein Eisbär sein... Flaute im City Jungle

Was fängt man mit einem angebrochenen, bis zum Abflug übrig gebliebenen Vormittag in Berlin an? Es kann nur eine Antwort geben: Knut! Vor drei Jahren zum Medienstar und Maskottchen der Stadt aufgestiegen, ziert das pelzige Tier immer noch Ansichtskarten und Schaufenster. Das Gepäck ist am Bahnhof Zoo schnell versperrt, die Bärenjagd kann also mit leichter Ausrüstung (Digi-Cam) aufgenommen werden. Immer noch verströmen Bahnhof und seine Umgebung ein karges Flair, dem die tiefen Achtzigerjahre und das Bild weggeworfener Junkie-Spritzen anhaften. An der Fassade eines der Hochhäuser weist eine Giraffe den Weg zum Tiergarten, - man denkt unweigerlich an eine Szene aus dem Film „Twelve Monkeys“ und stellt sich vor, wie es wohl wäre, wenn eines Vormittags die Tiere ausbrächen, sich unter die Kolonnen der ockergelben Mercedes-Taxis mischten und kreuz und quer durch die Stadt zögen.

 

Mit einem ergaunerten Studententicket beginnt die Odyssee durchs Schilderlabyrinth, Zwergpinguinen und Leguane werden dieses Mal beiseite gelassen, endlich das ersehnte Ziel: Aus dem niedlichen schneeweißen Pelzknäuel mit Stupsnase ist ein behäbiger, von drei Gespielinnen umringter Koloss von Bär mit zum Boden hin gelblich verfärbten Fellzotten geworden. Von den Kinder- und Knutfan-Massen vergangener Tage hinter den Brüstungen ist keine Spur. Ein einsamer Werter zieht im Gehege nebenan seine Kreise mit dem Rasenmäher. Der Fall ist ganz klar: Kein Schwein interessiert sich mehr für den Bären. Und eigentlich ist das Affengeil.

 

Bad Trips Vol.1: Randale, Ramsch und Rock n'Roll in Kopenhagen 

Kopenhagen sollte es richten. Für zwei Wochen im Dezember mutierte die kleine Hauptstadt Dänemarks zum Zentrum der Welt, in das sich die Führer sämtlicher Nationen quer über den Globus zum internationalen Klimagipfel anjetten ließen. Auf dem Programm stand zwischen Champagner-Empfang und königlichen Gala-Diners nicht weniger als die Rettung des Planeten. Im Gegensatz zum beschämenden (Nicht-)Ergebnis der Konferenz fiel der Marketing-Aufwand, mit dem sich die Stadt zum Vorreiter eines grünen Lifestyles stilisierte, alles andere als bescheiden aus. So manches schon gut einzementierte Klischee war da nicht gerade hinderlich. Kopenhagen, die Stadt mit den glücklichsten Menschen der Welt? Kopenhagen das durchgestylte Sozialstaat-Märchenparadies? Mitnichten. Eher als die Welt zu retten eignet sich Kopenhagen wie kaum eine zweite Stadt in Europa für den perfekten 48-Stunden-Trip, und wirklich interessant wird es wie so oft im Leben erst dann, wenn man hinter die weiße Fassade blickt, und sich zielsicher dorthin aufmacht, wo es so richtig dreckig zu werden verspricht.  

 

The Rock n’Roll way of City-trip

 

Richtig dreckig wird es zum Beispiel im Viertel Vesterbro. Gleichzeitig eignet sich dieses neuerdings als schick verschriene Rotlichtpflaster und einstige Zentrum der skandinavischen Porno-Industrie der 70er Jahre hervorragend als Ausgangspunkt für die bevorstehende Entdeckungstour. Nur ein paar hundert Meter vom Westausgang des Hauptbahnhofs trifft man hier mit dem Saga auf ein äußerst brauchbares Budget-Hotel mit nettem Personal und geräumigen, mit Flatscreens und Internetzugang ausgestatteten Zimmern. Wer an der Rezeption etwa nach Busverbindungen fragt darf nicht nur in die Keksschale greifen sondern bekommt auch ausgiebig Auskunft, doch die Innenstadt ist ohnehin nur einen Katzensprung entfernt.

 

 

Zuallererst ins Auge springt einem in Kopenhagen die schier unglaubliche Anzahl an Fahrrädern. Amsterdam, die Hauptstadt der Biker? Schnee von gestern! Ob aufgrund der wahnwitzigen dänischen PKW-Besteuerung oder tatsächlich aus freien Stücken, - bei jedem nur erdenklichen Wetter und vor allem in jedem nur erdenklichen Outfit wird hier in (an Straßenübergängen oft Nerven tötend langen) Rudeln in die Pedale getreten. Verrostet oder in bunten Pastellfarben und zu ganzen Trauben an den Gehsteigrändern zusammengekettet bilden Kopenhagens Drahtesel eine kaum enden wollende, verworrene Zierzeile aus Stahl um sämtliches Gemäuer, während darüber stylishe Dansk-Design-Lampenschirme sanft durch die Bürofenster schimmern.

 

 

Stahl, Glas, Aluminium, Wasser

 

Die bekanntesten Sights Kopenhagens wie etwa das massige, im Neorenaissance-Stil gehaltene Rathaus oder Schloss Amalienborg sind in der überschaubar großen City auch zu Fuß schnell erreicht (am besten über die belebte Hauptfußgängerzone und Einkaufsstraße Strøget). Doch auch wer auf moderne Architektur ein Auge hat muss in Kopenhagen nicht lange suchen. Neben Kult-Designer Arne Jacobsens sperrigem Royal SAS Radisson Hotel, das gegenüber dem Hauptbahnhof als geometrisch-gläserner Aluminiumblock in den Wolkenhimmel ragt (für Kenner eine Ikone der Moderne) sind in den letzten Jahren zahlreiche Prestigebauten wie (futuristische) Pilze aus dem Boden geschossen. Von der auf einer Landzunge Wasserumspülten plunderflachen neuen Oper, über die schwarz glänzende, semitransparente Königliche Bibliothek („der schwarze Diamant“) bis hin zu Daniel Liebeskinds Blitz-förmigem jüdischen Museum reicht die Palette von gewagten Projekten, deren Glas- und Stahlebenen trotzig durch die Kulisse des traditionellen Kopenhagen schneiden, als wollten sie ein Exempel statuieren, dass man es hier nicht mit Hinterwäldlern zu tun hat. Und keine Touristeninfo, kein Innenstadtbüro, kein Museumscafe in dem man nicht auf Kopien und Ableger von Jacobsens stylishen Stuhl-Entwürfen, wie dem legendären „Siebener“ (mit einer Rückenlehne in Form zweier sich berührender 7er) trifft, als wären sie ganz selbstverständlicher Teil einer (trendigeren Art von) Alltags-Folklore wie anderswo Herrgottswinkel oder der 5-Uhr-Tee. (Wem Zeit zum Chillen bleibt sollte einen Abstecher ins Dansk Design Center machen, wo man sich auf sämtlichen ausgestellten Design-Ikonen und wagemutigen Entwürfen kommender Stars der Szene ausdrücklich auch breitmachen darf.)

 

 

Dansk Design meets Hinterholz

 

Trotzdem, gerade dort, wo sich das Hinterwäldlerische nicht kaschieren lässt, entfaltet die Stadt ihren liebenswertesten, eigenen Charme. Etwa am Nyhavn, wo sich ein etwas abgesackter Weihnachtsmann vor der bunten, an Matrosen-Spelunken erinnernden Kneipen-Häuserzeile mit japanischen Touristen fotografieren lässt, während an den Marktständen entlang der Kaimauer allerlei wunderbar nutzloser Ramsch verhökert wird. Oder wenn man seinen eigenen Augen nicht traut, die einem weismachen möchten, dass da gerade ein bemützter Verkäufer vom Verkehr der Innenstadt umströmt seinen für Kopenhagen so typischen Hot-Dog-Imbiss-Wagen (pølsevogn) händisch durch die Straßen zieht. Und natürlich im Tivoli, - was wäre die Heimatstadt des Ober-Märchenerzählers Hans Christian Andersen ohne ihren so zauberhaft funkelnden wie altmodisch verschlissenen Vergnügungspark mit der markanten chinesischen Pagode als Blickfang – übrigens die meistbesuchte Sehenswürdigkeit der Stadt. Eine entrückte (und in der Weihnachtszeit äußerst Gløgg-selige) Oase voller Karussells, Schießbuden und Märchenfiguren inmitten des kargen Bahnhofsviertels, für die es sich über die saftigen Eintrittspreise hinwegsehen lässt.

 

Eat the rich!

 

Geht es um die Wochenend-Abendgestaltung zieht es den fortgeschrittenen Städtetripper aber weg von Plastikzwergen und hin zu konkreteren Dingen. Während Kopenhagens Trend-Diskotheken wohl dieselbe sterile Ödnis versprühen wie im Rest Europas auch, bietet Vesterbro mit dem Vega Nightclub einen authentischen Szene-Treff, für den sich ein nächtlicher Spaziergang durch das schon Tagsüber recht zwielichtige Viertel wirklich lohnt. Vorbei an kleinen Stripbars und blinkenden Schaufensterauslagen mit Nikolo-Negligés zwischen Gas-Pistolen und Gummi-Dildos erreicht man über die Istedgade jenen mittlerweile als Top-Veranstaltungsort der Stadt etablierten Bau aus den 50er Jahren, der schon alleine durch sein hochwertiges, puristisches Interieur in bester skandinavischer Designmanier besticht. So manche Marotte der Betreiber nimmt man da schon in Kauf. Rauchen ist, einmal durch die Eingangstüre getreten, ausnahmslos verboten. Die Dezibel-erprobte Lederkluft muss (Hinten anstellen!) an der Garderobe abgegeben werden. Wegen Brandschutzbestimmungen erläutert der freundliche, aber bedenklich mit Muskeln bepackte Security-Herr vom Kundenservice einem fassungslosen Einlasssuchenden, den in der vollgepfärchten Konzerthalle noch lange die bange Frage verfolgt, ob sein blankes Baumwoll-T-Shirt den Appetit eines trotz rigorosen Kippenverbots wundersam entsprungenen Feuers nicht eher anregt als dämpft. Rock n’Roll meets Sozialstaat.

 

 

 

Rocker und Meeresjungfrauen

 

Spätestens nach einer (in Anbetracht der Preise von 5 Euro für ein kleines Bier eher maßvoll) durchzechten Nacht stellt der Kopenhagen-Triper mit Erstaunen fest, dass ihm der Besuch des berühmtesten Wahrzeichens der Stadt noch eine ziemliche Odyssee abverlangt. Alles andere als zentral, am nördlichen Stadtrand gelegen, ist die kleine Meerjungfrau (den lille Havfrue) nur mittels Linienbussen und einem weiteren, kleinen Fußmarsch hinein ins periphere Industriegebiet Kopenhagens erreichbar. Vielleicht erklärt sich dadurch das Glücksgefühl über den Anblick einer kleinen, verloren auf ihrem Steinsockel im Hafenbecken sitzenden und von eisigen Fluten umspülten Bronzefigur. Von Touristen abgelichtet und (verbotenerweise!) betätschelt sieht sie unbeeindruckt in die Weite des sich vor der Hafeneinfahrt öffnenden Öresund hinaus. Was für ein rätselhaftes Wesen! Und was für ein schönes Bild für die Stadt an sich. Ein bisschen zu trüb, ein bisschen zu abgegriffen um ihr das jungfräuliche Image reinen Herzens abzunehmen, aber dennoch verführerisch und mit einem seltsam gelassenen, fast traurigen oder doch neckischen Blick, als wüsste sie das alles selbst am besten.

 

 

Christiania - Dope, Dreck und Dosenbier

 

Während die kleine Meeresjungfrau wohl noch etliche Klimakonferenzen überdauern wird (auch wenn ihr Vandalen schon zweimal den hübschen Kopf abgeschnitten haben) kann man das von einer anderen Kopenhagener Institution nicht unbedingt annehmen. Nicht nur deshalb sollte kein Kopenhagentrip ohne einen Besuch von Christiania zu Ende gehen. Von Reiseveranstaltern einst gemieden wie die Pest mauserte sich das seit 1971 besetzte ehemalige Kasernengelände im Stadtteil Christianshavn in den letzten Jahren zu einem beliebten Ausflugsziel für aufgeschlossene Individualtouristen. Wer sich an streunenden Hunden, brennenden Öltonnen und knöcheltiefem Moraststraßen nicht stößt kann – hinter einer knallbunt und phantasievoll mit Graffitis bemalten Grenzmauer - ein regelrechtes (Natur-) Paradies entdecken, doch es ist ein Paradies mit Ablaufdatum. Schuld daran ist nicht etwa die ca. 850 Aussteiger zählende, durchaus gut organisierte und sich selbst versorgende Christiania-Community als vielmehr Stadtverwaltung und dänische Regierung. Nach jahrelangen Diskussionen um die Auflösung des „Freistaats“ scheint nach einem neuen Gerichtsurteil die Räumung des städtebaulich noch nicht erschlossenen Areals nun endgültig beschlossen. Die jüngsten, während des Klimagipfels in Christiania ausgebrochenen Krawalle dürften die Legislative dabei nicht unbedingt umgestimmt haben.

 

 

 

 

Paradies mit Ablaufdatum

 

Was in absehbarer Zeit womöglich für immer (zugunsten uniformer Wohnbauprojekte?) verloren geht ist die unnachahmliche Atmosphäre eines vom Rest der Welt abgeschiedenen Wege-Labyrinths mit alten Backsteingebäuden und phantasievollen Self-Made-Behausungen. Vom ersten (zwischen Schlaglöcher und Pfützen gesetzten) Schritt an zieht einen dieser Ort in den Bann. Christianias Reiz liegt gerade in seinem Verfall und seiner wuchernden Wildnis. Bunt bemalte, mit Blumen bepflanzte Holzboote, Graffitti-besprühte, überquellende Müllcontainer an deren Fuße streuende Hunde mit ihren Schnauzen in den Blechdosen scharren, buddhistische Comics-Gottheiten in einer Märchenwiese aus Hanfblättern. Motive, die einen schlicht ins Staunen versetzen. Je näher man allerdings der Hauptachse und ehemaligem Drogenumschlagplatz Pusher Street kommt, sollte man an seiner Technik des unauffälligen Fotografierens feilen, ansonsten kann der Weltfriede dank der ausgeprägten Überwachungs-Paranoia der Christianier ein jähes Ende nehmen. „No Foto“ gehört zu jenem englischen Grundwortschatz, den hier selbst der überzeugteste Schulabbrecher auf Lager hat, - Geschichten von Digi-Cam, die in einer der brennenden Öltonnen eine neue (letzte) Behausung gefunden haben, kursieren ebenfalls zuhauf. Immerhin, es sollte niemand behaupten man hätte ihn nicht gewarnt. Die riesigen, rot-weißen No-Foto-Logos sind selbst auf den bis in die letzten Winkel mit phantastischen Szenerien aus dem Fundus fernöstlich gefärbter Gegenkultur bemalten Hausfassaden nur schwer zu übersehen.

 

 

Weed und Weihnachtskekse

 

Am besten man lässt es nicht darauf ankommen und sich selbst einfach treiben, - hier schiebt man einen schweren, muffigen Vorhang zur Seite und tritt in eine von Schwaden aus Zimträucherstäbchen und Dope erfüllte, zu einer Mischung aus Art-Gallery und Cafe umfunktionierte Behausung, die insgesamt aber eher an das Sanktuarum eines tibetischen Klosters erinnert. Dort schlägt man sich auf einem der abseits gelegenen Pfade durchs Dickicht und steht vor der überwältigenden, romantisch-verwilderten Kulisse eines Nebenarms des Öresund. Ein Blick lohnt sich auch in jene Schmiede, in der die berühmten und von den trendigen Bobos der Innenstadt gern benutzten dreirädigen Christiania-Bikes in Eigenproduktion gefertigt werden. Ein heißer Tipp in der Vorweihnachtszeit ist zudem der von halb Kopenhagen gestürmte große Weihnachtsmarkt in der „gauen Halle“ (Den Grå Hal). Dort wird zwischen esoterischem Kitsch und (in den Christiania-Werkstätten gefertigtem) Weihnachtsramsch alles angeboten, was man nicht unbedingt braucht – ein optisches und vor allem Geruchs-Erlebnis.

 

 

6000 Polizeibesuche seit 2004

 

Selbst Christiania ist also vom Rummel nicht ganz gefeilt. Da trifft es sich gut, wenn man gegenüber der Grå Hal ein paar Leuten aus purer Neugier durch eine unscheinbare, Grafitti-bemalte Türe in eine andere Backsteinhalle folgt, die sich als das chilligste Cafe der Welt entpuppt. Coffeshop „Moonfisher“ steht auf einem Schild hinter der Theke. Über 6.000 bewaffnete Polizeibesuche seit 2004. Davon ist an diesem Tag nichts zu merken. Der saubere, mit allerlei Hippie-Dekor aufgepeppte Raum ist erfüllt von Cafedunst, Shishaschwaden und Haschischduft. Die frostige Nachmittagssonne quillt golden durch die geometrischen Fabriksfenster, - gedämpfte Lautsprechermusik aus dem Summer of Love vermischt sich mit dem leisen Surren eines an der Decke rotierenden Ventilators, dem Zischen der Espressomaschine, den entspannten Gesprächen ringsum, dem Aufeinanderknallen zweier Billiardkugeln aus dem hinteren Raum. Auf dem lichtdurchfluteten Steinboden, zu den Füßen eines alten, bärtigen Mannes, der in einem Buch ließt, liegt seelenruhig schlafend ein Hund, über den die zum Plausch verabredeten Kopenhagener Kids mit schaumig überquellenden Cafe Latte-Gläsern in der Hand steigen. Man zündet sich eine Zigarette an. Man rührt den Zimtschaum in seinen Capuccino ein. Allmählich überkommt einen das wohlige Gefühl. Hier definitiv. Hier ist die Welt, zumindest für die Dauer eines verträumten Sonntagnachmittags, noch in Ordnung.

Erschienen im Blog des Reisewebportals Tripwolf am 21.1.2010

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